Dienstag, 30. März 2010

DER "JAZZ-KOLOSS" IST TOT
PETER HERBOLZHEIMER MIT 74 GESTORBEN



Einem Millionenpublikum wurde der Posaunist durch teils legendäre Auftritte in Bios Bahnhof und dem ZDF Jazzclub bekannt. Bis 2007 stand er 20 Jahre lang dem Bundesjugend-Jazzorchester vor, wo er zahlreiche Nachwuchstalente förderte und inspirierte. Der Deutsche Musikrat, dessen Ehrenmitglied Herbolzheimer war, würdigte ihn als einen der ganz Großen des internationalen Musiklebens, "der die europäische Jazzgeschichte geprägt und beeinflusst hat".
Peter Herbolzheimer wurde am 31. Dezember 1935 in Bukarest geboren. Mit 16 kam er nach Deutschland, lernte Gitarre spielen und ging zwei Jahre später in die USA. "Im Deutschland der fünfziger Jahre habe ich mich nicht wohl gefühlt. Alles war grau in grau, die Atmosphäre im Vergleich mit Rumänien kalt und unpersönlich", sagte er im Dezember 2004, kurz vor seinem 70. Geburtstag. In Detroit machte Herbolzheimer Abitur, spielte nebenher in Jazzclubs und durchlief bei General Motors eine Ausbildung zum technischen Zeichner.
Nach vier Jahren kehrte er zurück nach Deutschland, begann 1958 ein Musikstudium in Nürnberg und wechselte von der Gitarre zur Posaune. "Ich hatte einen elektrischen Verstärker, der gekratzt und gescheppert hat. Es war lästig, dass man seinen eigenen Ton nicht formen konnte", sagte er. "Deshalb habe ich die Posaune gewählt, um Herr meiner eigenen Töne zu sein." Deswegen schrieb und arrangierte er seine Musik. "Ich gebe zu, gern die Kontrolle über das Ganze zu haben."
Zehn Jahre später gründete er seine Rhythm Combination Brass, die in kurzer Zeit zu den besten Big Bands Europas aufstieg. Jazzgrößen wie Dizzy Gillespie, Stan Getz, Gerry Mulligan und Albert Mangelsdorff waren Gäste der Band. Im Jahr 1975 wählten Leser und Kritiker des Jazz-Forums die Formation zur besten Big Band in Europa. Das blieb sie mehrere Jahre. Den großen Jazz Ensembles gehörte Herbolzheimers Vorliebe: "Um Klänge zu verwirklichen, ist das große Orchester prädestinierter als die Combo, da gestaltet man in jedem Konzert neu. In der Big Band schafft man jedoch etwas, das man wiederholen kann." Zur Fangemeinde von Herbolzheimer gehörte auch Bundeskanzler Helmut Kohl.
Besonders wichtig war dem Musiker das Bundesjugendjazz-Orchester. Er habe das damals übernommen, weil es zu seiner Zeit an der Musikhochschule keine Jazzausbildung gegeben habe, sagte Herbolzheimer. Unter seinem Einfluss wurde das Orchester zur Talentschmiede. Und nicht ohne Stolz sagte der Künstler vor ein paar Jahren: "Jeder Mensch, der heute in Deutschland Jazz macht, kommt aus dem Orchester."